Südtiroler Landwirt, Politik | 06.12.2018

„Kenne jetzt alle Seiten“

Fünf Jahre lang saß Albert Wurzer als Abgeordneter im Südtiroler Landtag, jetzt ist er wieder an seine „alte“ Wirkungsstätte im Landhaus 6 zurückgekehrt. Wir haben ihn dort besucht und uns mit ihm unterhalten. von Bernhard Christanell

Albert Wurzer: „Die Zeit im Landtag war für mich eine wertvolle Erfahrung.“

Albert Wurzer: „Die Zeit im Landtag war für mich eine wertvolle Erfahrung.“

Südtiroler Landwirt: Herr Wurzer – fünf Jahre lang standen Sie als Abgeordneter im Rampenlicht – jetzt fragen sich wohl manche unserer Leser: Was macht denn der Wurzer jetzt eigentlich? Können Sie Ihre Aufgaben hier kurz erklären?

Albert Wurzer: Naja, als einfacher Abgeordneter ist das mit dem Rampenlicht so eine Sache, aber lassen wir das ... (schmunzelt). Ich arbeite jetzt hier im Landesamt für ländliches Bauwesen und kümmere mich um alles, was mit den Themen Bonifizierung und Konsortien zu tun hat. Es geht also um Flurbereinigungen, um Beregnungsanlagen, um die Aufsicht über die Konsortien – kurz, um alles, was durch das Landesgesetz zur Bonifizierung aus dem Jahr 2009 geregelt ist. Wie Sie hier auf meinem Schreibtisch sehen, fällt hier einiges an Arbeit an ... (lacht).

Welches sind die größten Unterschiede Ihrer jetzigen Arbeit zur Arbeit als Abgeordneter im Landtag?
Der größte Unterschied betrifft die Gesetze: Als Abgeordneter habe ich versucht, sie mitzugestalten, als Landesbeamter ist es jetzt meine Aufgabe, die beschlossenen Gesetze und geltenden Bestimmungen auszuführen und umzusetzen. Ein anderer Unterschied betrifft sicherlich die Freiheit: Als frei gewählter Abgeordneter hat man eigentlich keinen Chef und kann sich die Zeit – zumindest bis zu einem gewissen Grad – frei einteilen. Hier habe ich Vorgesetzte und muss in der Früh und am Abend stempeln. Aber die Aufgabe, die ich hier habe, gefällt mir sehr gut – es ist eine technische und agronomische Arbeit, die meiner Ausbildung und meiner Art entspricht und bei der ich mich sehr wohl fühle.

Das klingt jetzt fast so, als würden Sie es bereuen, fünf Jahre lang im Landtag verbracht zu haben. Bereuen Sie im Nachhinein, dass Sie den Schritt in die Politik gewagt haben?
Nein, ganz und gar nicht! Die Zeit als Landtagsabgeordneter war für mich eine Ehre und eine sehr wertvolle Erfahrung. Ich kenne jetzt gewissermaßen alle Seiten des Geschäfts: zuerst als Ressortdirektor, dann als Politiker, jetzt als einfacher Beamter. Das können nur ganz wenige Menschen von sich sagen. Ich musste mich nach meiner Zeit als Ressortdirektor für Landesrat Hans Berger – der 2013 in den Senat nach Rom gewählt wurde – beruflich neu orientieren und hätte mich auch um eine Führungsstelle in der Landesverwaltung bewerben können. Die Voraussetzungen dafür habe ich ja. Ich dachte mir aber: Wenn ich jemals die Chance bekomme, in den Landtag gewählt zu werden, dann jetzt. Die politische Arbeit war für mich ja nichts Neues, ich war zu der Zeit auch Bezirksobmann der SVP im Pustertal. Außerdem hatte ich viel Erfahrung aus meiner Zeit in der Privatwirtschaft und mir in der Landesverwaltung viel Fachwissen angeeignet. Mit der Unterstützung des Bauernbundes habe ich den Einzug in den Landtag dann geschafft – wenn auch leider nur auf einem der hinteren Plätze.

Sie haben sich in Ihrer Zeit im Landtag öfters über die eingeschränkten Möglichkeiten eines „einfachen“ Landtagsabgeordneten beklagt. Ist die Arbeit wirklich so anders, wenn man nicht in der Landesregierung sitzt?
Der Unterschied liegt vor allem darin, dass man als Abgeordneter einfach nicht die Strukturen und Möglichkeiten hat, über die ein Mitglied der Landesregierung verfügt. Man hat kein Team hinter sich, das einem alles professionell vorbereitet, sondern muss sich alles selbst organisieren. Und man wird – zumindest habe ich das so erfahren – in die Entscheidungen viel zu wenig eingebunden.

Dennoch saßen Sie ja auch in mehreren Gesetzgebungsausschüssen und haben dort versucht, auf entstehende Gesetze Einfluss zu nehmen. Können Sie einige Erfolge aufzählen, auf die Sie besonders stolz sind?
Es waren neben den großen Brocken wie Raumordnung, Sanität und dem Höfegesetz ganz viele kleine Elemente, bei denen wir als bäuerliche Vertreter uns eingebracht haben und bei denen wir zum Teil auch viel erreicht haben. Zu diesen Themen, mit denen ich mich sehr intensiv beschäftigt habe, zählen etwa die Tiertransporte, die Vergabeverfahren, die kleinen und mittleren Ableitungen zur Energieerzeugung, die Grundbuchseintragungen von Amts wegen bei der Bonifizierung – kurz, alles Dinge, die dazu beitragen sollten, den Menschen im ländlichen Raum ihre tägliche Arbeit zu erleichtern.

Und womit sind Sie rückblickend nicht so zufrieden?
Vor allem mit der Art, wie wir gearbeitet haben. Wir sind angetreten mit dem Vorsatz, dass es unter der neuen Landesregierung eine Aufwertung des Landtags mit stärkerer Einbindung in die Entscheidungsprozesse geben soll. Am Ende haben wir dennoch von vielen Entscheidungen erst zu spät erfahren, Abmachungen wurden nicht eingehalten – und so ging es zu oft im Landtagsplenum doch wieder nur ums Handaufheben statt ums Mitentscheiden. Ein Grund dafür lag sicher in der großen Fülle an Gesetzen, die durchgepeitscht wurden. Wir haben alles gleichzeitig gemacht, statt uns auf einzelne Bereiche zu konzentrieren und diese ordentlich durchzuarbeiten. Um die Qualität der neuen Gesetze zu verbessern, wäre es vielleicht angebracht, in der neuen Amtsperiode ihre Zahl zu verringern.

War das der Grund, weshalb Sie sich entschieden haben, nicht mehr für den Landtag zu kandidieren?
Ja, auch ... Vor allem ist mir einmal mehr klar geworden, dass der Aufwand, um als einfacher Abgeordneter eine Chance zu haben, nach der Wahl für die Landesregierung berücksichtigt zu werden, immens groß ist – und zwar in zeitlicher ebenso wie in finanzieller Hinsicht. Und diesen Aufwand wollte ich nicht mehr auf mich nehmen ... Ich bleibe sicher auch weiterhin ein politisch denkender Mensch – ich habe mich aber vorerst einmal aus allen Gremien zurückgezogen.

Abschließend noch eine private Frage: Wie hat sich das Leben des Albert Wurzer nach seinem Abschied aus dem Landtag verändert?
Naja, da ist einmal der Tagesablauf: Ich pendle jeden Tag mit dem Zug nach Bozen und zurück nach St. Lorenzen. Davon abgesehen möchte ich mich jetzt vorerst einmal hier einarbeiten und mich neu orientieren. Außerdem habe ich ja noch den kleinen Bergbauernhof, den ich gemeinsam mit meiner Frau bewirtschafte. Vielleicht bleibt irgendwann auch noch ein wenig Zeit fürs Vereinsleben, aber das wird sich zeigen ...