Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Südtiroler Landwirt | 06.12.2018

Bräuche bringen Ordnung ins Leben

Vom Scheibenschlagen über das Binden des Palmbuschens bis hin zum Martinimarkt, Bräuche bringen Ordnung: Sie regeln Abläufe, gliedern Woche und Jahr. Die Südtiroler Bäuerinnenorganisation hat nun das erste Südtiroler Brauchtumsbuch herausgegeben. Zeit war’s! von Renate Anna Rubner

Wer wird als Erste(r) die Ziellinie überschreiten und mit welcher Zeit? Der Gänselauf zu Martini lockt viele Neugierige nach Kurtinig.

Wer wird als Erste(r) die Ziellinie überschreiten und mit welcher Zeit? Der Gänselauf zu Martini lockt viele Neugierige nach Kurtinig.

Bräuche haben eine lange Tradition, ja, sie sind ein wichtiger Teil jeder Tradition!“, sagt der Volkskundler Hans Grießmair. „Der Mensch braucht Bräuche, sie sind nämlich wie die Sprache ein Verständigungsmittel, ohne die eine Gemeinschaft – von der Familie über die Nachbarschaft in Dorf und Stadt bis zur größten Gruppe, dem Volk – nicht gedeihlich zusammenleben kann.“ So bringen Bräuche Ordnung ins Leben, sie helfen bei wichtigen Lebensübergängen, regeln den Tageslauf, gliedern die Woche und das Jahr. „Ohne Sonntag hätten wir alle Tage Werktag, und ohne Feste und Feiertage wären alle Tage gleich. Das wäre doch unerträglich!“, sagt der Historiker, der gemeinsam mit Jutta Tappeiner als Autor des Buches „Lebendige Bräuche in Südtirol“ verantwortlich zeichnet. Er hat vor allem die fachliche Expertise zu dieser Sammlung beigetragen, die im Auftrag der Südtiroler Bäuerinnenorganisation entstanden ist.

Erste Sammlung gelebter Bräuche  
Dafür hat man unter der Regie der Bezirksbäuerinnen aus allen Landesteilen Bräuche zusammengetragen, grob geordnet und an die Autorin weitergegeben. „Gemeinsam mit den Bäuerinnen habe ich dann den Bräuchen und deren Wandel im Lauf der Zeit nachgespürt“, sagt Jutta Tappeiner. „Bräuche bleiben lebendig, wenn sie in Gebrauch sind. Dieses Buch enthält nun erstmals eine Sammlung der aktuell gelebten Bräuche in Südtirol.“
Die große Herausforderung beim Schreiben des Buches war laut Tappeiner zugleich das Spannende: „Ich stützte mich auf die Kriterien ,lebendige Bräuche‘ und ,ihren Bezug zum Heute‘.“ Mit der ersten Rohfassung habe sie die Expertenrunden in den Bezirken besucht und dann Anpassungen vorgenommen. Diese Treffen seien Schlüsselmomente gewesen, schließlich habe sie dort Antworten auf all ihre Fragen bekommen. „Vor allem aber habe ich das Mittragen und die Freude der Experten mit dieser Bestandsaufnahme gespürt. Die wertvollen Rückmeldungen haben mich bestärkt und motiviert“, sagt Tappeiner. „Im Laufe der Zeit bin ich immer neugieriger geworden. Jetzt kann ich es kaum erwarten, bestimmte Bräuche direkt vor Ort zu erleben!“

Rückschlag erst nach dem Krieg
Dabei war die Brauchtumslandschaft Südtirols vor nicht allzu langer Zeit noch recht karg. Daran schuld war aber weniger der Faschismus als die Zeit nach dem Krieg. „Es gehörte zwar zum erklärten Ziel des Faschismus, Südtirol zu italianisieren und alle Spuren der deutschen Kultur auszumerzen“, erklärt Hans Grießmair. Der Großteil der Bevölke­rung habe damals aber noch auf dem Land gelebt. Die Bauern aber waren weitgehend Selbstversorger und damit trotz Schikanen wirtschaftlich nicht so leicht in die Knie zu zwingen. Im Faschismus erkannte man eine Bedrohung und suchte umso mehr Schutz in Traditionen und Brauchtum, wie Hans Grießmair erzählt.
Der schwere Rückschlag für den Bauernstand und das mit ihm verbundene Brauchtum kamen erst in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg: Die bäuerliche Wirtschaft, besonders in den Berggebieten, wandelte sich schnell. Die Maschine hielt siegreich Einzug. Dafür gab es immer mehr Nebenerwerbsbauern mit allen Folgen für das Familienleben und damit auch für das häusliche Brauchtum.

Bräuche als Halt und Orientierung
Laut Grießmair ist es bis heute vor allem der Bauernstand, der ein wichtiger Träger des Brauchtums ist, die von Bauernhöfen stammenden oder zugezogenen Dorfbewohner nicht zu vergessen. Der Historiker unterstreicht auch die wichtige Rolle der Frauen, wenn es um das Lebendigerhalten und Leben von Bräuchen geht: „Für die Pflege des Brauchtums kann der Einsatz der Bäuerinnen und der Frauen allgemein nicht hoch genug veranschlagt werden.“ Derselben Meinung ist Jutta Tappeiner: „Viele Bräuche stammen aus der bäuerlichen Welt. Die Bäuerin hat seit jeher ein feines Gespür für die Bräuche, vom Festtag bis hin zum Alltag.“ Gerade in unserer schnelllebigen Welt könne das Pflegen der Bräuche Halt und Orientierung geben und die Gemeinschaft in Familie und Dorf fördern.

Und wirklich: Zurzeit gibt es eine stärkere Rückbesinnung. Sehnen sich Menschen heute wieder mehr nach Verankerung, Wurzeln, Identität? Hans Griessmair sagt Ja: „Viele Menschen sind durch die Mobilität unserer Gesellschaft, durch die fast unendlichen und aufdringlichen Möglichkeiten der Kommunikation verunsichert. Da sind Fenster, Tür und Tor offen, und es zieht kühl herein.“ Besonders ältere Leute  sähen sich zu Recht an den Rand gedrängt. Die Welt werde oft als bedrohlich empfunden, man sei wieder verstärkt auf der Suche nach Heimat, wo man sich auskennt, wo man seine Wurzeln hat. „Da ist der sesshafte Bauer im Vorteil. Die vertrauten Bräuche, die vertraute Landschaft, der Dialekt, das bekannte Essen und die Essensbräuche sind wichtige Bestandteile von Heimat.“ Der Volkskundler ermutigt denn auch, diese vertrauten Dinge ohne übertriebene Angst, aber gewissenhaft zu bewahren.

Kein immer ganz einfaches Unterfangen. Wie schafft es eine Frau wie Jutta Tappeiner, Bräuche in ihrer Familie zu leben? „Im Jahreskreis und im Lebenskreis unserer Familie integriere ich bewusst Bräuche: Vom Tragen der Tracht über das Winden der Kräuterbuschen und das Zubereiten von Brauchtumsspeisen bis hin zum Räuchern, Bräuche heben sich ab vom Alltag ab und feiern das Leben“, sagt Tappeiner. Sie sieht das Buch als „Brauchtumsfibel“, als Nachschlagewerk, als Bilder- und Rezeptbuch in einem. „Lebendige Bräuche in Südtirol“ soll eine Grundlage sein, um sich einen Überblick zu verschaffen über die heutigen Bräuche in Südtirol und um neugierig zu machen, den einen oder anderen Brauch selber (wieder) zu leben ...

Lesen Sie in unserer Printausgabe, wie der Gänselauf in Kurtinig ausgegangen ist – und warum er ein gutes Beispiel für Südtiroler Brauchtum ist.